Mittwoch, 22. November 2017
 
 
   
 
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Der Weg zu den neuen Glocken PDF Drucken E-Mail

„… ihre Glocken sind abgängig“, so hörten wir es schon einige Jahre immer wieder von Menschen, die sich in dieser Materie auskennen. Auf dem Turm befanden sich vier Glocken. Die kleinste aus dem Jahr 1425, wohl die älteste Glocke der Region, gegossen von Meister Monkehagen, mit reichlich Zierrat und dem Abbild des Heiligen Georg und dem Schlagton as. Wann und wie sie auf unseren Kirchturm gekommen ist - wer will und kann dies ergründen. Es muss auf jeden Fall nach dem Stadtbrand von 1503 gewesen sein. Denn damals brannte die Pfarrkirche nieder und die Glocken und sämtliches Inventar wurden ein Raub der Flammen.

Dann waren da drei Eisenhartgussglocken - 1950 von der Firma Schilling in Apolda gegossen und unter großen Kraftanstrengungen von der Gemeinde angeschafft. Sie waren der Ersatz für die Glocken, die 1942 für wehrwirtschaftliche Zwecke vom Turm geholt worden waren, also der Waffenproduktion zugeführt wurden.

Diese Glocken haben die Gemeinde, aber auch alle Bewohner Güstrows, mit ihrem Klang in all den Jahren  begleitet und waren vertraut. So hatte auch ich den Impuls: Es ist so schön, sie besonders am Samstagabend im vollen Klang mit den anderen Glocken der Stadt zu hören, warum sollen wir sie aus dem Dienst nehmen. Doch haben solche Glocken nur eine begrenzte Lebensdauer, man spricht von ca. 70 Jahren. So haben wir im Kirchengemeinderat, dem Gremium, das die Pfarrgemeinde leitet, in den Jahren einen Glockenfond gebildet, in den nicht benötigte finanzielle Mittel hineingegeben wurden.

Als dann der landeskirchlich bestellte Glockensachverständige Herr Peter mit der gleichen Botschaft die Begutachtung unseres Geläutes abschloss und uns den Rat gab, neue Glocken anzuschaffen, fiel im Kirchengemeinderat die Entscheidung und wir machten uns auf den Weg.

Im Januar 2015 stand die jährliche Klausurtagung des Kirchengemeinderates und der Mitarbeiter unter dem Thema: Neues Geläut für St. Marien. Herr Peter, der diese Tagung inhaltlich begleitete, arbeitete mit uns über die Aufgaben der Glocken. Zu welchen Anlässen sollen sie, allein oder in welchen Kombinationen läuten. Welche Töne sollen sie haben, damit sie zueinander, aber auch zu den Glocken des Domes und der katholischen Kirche passen. Und dann war die Themen- oder Namensfindung für die Glocken eine weitere Aufgabe. Es war ein intensives Wochenende mit einem guten Ergebnis, wie weiter unten zu lesen sein wird.

Als Ergebnis dieser Klausur schlug uns Herr Peter dann zwei Geläutvarianten  vor. Die erste nannte er „schwer“, da die große Glocke ein Gewicht von 4,5 t haben sollte, die andere “ leicht“. Bei der „Schweren“ hätten wir wegen des großen Schwingradius in die baulichen Gegebenheiten des Turmes eingreifen müssen. Das gab den Ausschlag, uns für die leichte Variante zu entscheiden.

Nun ging es darum, die Glockengießerei zu finden. Das Ergebnis einer Ausschreibung war die Vergabe dieser Arbeit an die Kunst- und Glockengießerei in Lauchhammer in der Oberlausitz. Parallel dazu sollten Entwürfe für die Gestaltung der Glocken eingeholt werden. Wir wollten, dass unsere Glocken unterschiedliche Handschriften tragen. Das Ergebnis war, dass die Friedensglocke und die Marienglocke durch den Schriftgestalter Professor Schneider aus Laaspe und die Sonntagsglocke durch die Künstlerin  Dr. Bettina Weber aus Dresden gestaltet wurden. Wir tauschten uns über unsere Gedanken zu den Glocken aus und sie schickten ihre Entwürfe zur Diskussion. Am Ende standen die fertigen Vorlagen für die Glockengießerei und wir waren gespannt.

Durch notwendige Umbauten in der Gießerei verzögerte sich der Gusstermin. Doch wir hatten uns entschieden,  keinen Druck zu machen, denn Glocken sind Musikinstrumente und Druck kann da nur schädlich sein.-

Bild vom Guss

Am 13. November 2015 war es dann soweit. Wir fuhren mit einer Gruppe von ca. 30 Gemeindegliedern und Interessierten nach Lauchhammer, um den Guss der großen Glocke, der Friedensglocke, zu erleben. Der Empfang war  herzlich. Nach einer Stärkung und einer Andacht in der werkseigenen Kirche gingen  wir hinüber in die Gießerei. Nachdem Herr Noack, der Glockengießer, das Segenswort „In Gottes Namen, wir gießen!“ gesagt hatte, wurde aus zwei Kesseln die 1.200°C heiße Glockenspeise, die zu 78% aus Kupfer und 22% aus Zinn besteht,  in die unterirdische Glockenform geleitet. Nach 15 Minuten waren die 3,2 t flüssiges Metall in die Form gelaufen und wir gingen hinüber in die Werkstatt, wo uns Herr Noack das Entstehen der Glockenform erklärte. Beeindruckend, wie dieses uralte Handwerk bis heute zur Herstellung von Glocken betrieben wird. Das Mauern des Glockenkerns, darauf die falsche Glocke, auf der dann schon die Verzierungen platziert werden. Eine Trennschicht aus Rindertalg wird darüber gegeben und darauf dann der Mantel aus Lehm in immer neuen, dünnen Schichten gelegt. Wenn alles getrocknet ist, wird der Mantel angehoben und die falsche Glocke entfernt. Der Mantel wird wieder darüber gesetzt und alles in die in den Boden eingelassene Glockengrube gestellt und von außen mit Sand verdichtet. In den Hohlraum, der durch das Entfernen der falschen Glocke entstanden ist, fließt dann beim Guss die Glockenspeise. Wenn diese nach drei Wochen abgekühlt ist, wird die Glockengrube geöffnet, die Form herausgehoben und der äußere Mantel abgeschlagen. Dann ist schon zu sehen, ob der Guss äußerlich gelungen ist. Erst nach dem Entfernen des Glockenkerns und dem groben Putzen der Glocke wird sie das erste Mal angeschlagen. Erklingt der vorgesehen Ton, atmen alle erleichtert auf: Der Guss ist geglückt!

 

Bild große Glocke in Gießerei

Am 13. Dezember fuhren wir ein zweites Mal mit einer noch größeren Gruppe nach Lauchhammer, um beim Guss der Sonntags- und der Marienglocke dabei zu sein. Besonders anrührend war, dass in der Gießerei die große Friedensglocke stand und sie so beim Gießen ihrer Schwestern dabei war. Natürlich wurde sie ausführlich bestaunt und wohl auch gestreichelt. Anfang des neuen Jahres erhielten wir dann die Nachricht: „Guss geglückt, Töne getroffen!“ Doch erst die mehrstündige Abnahme durch den Glockensachverständigen Herrn Peter im Februar machte die Sache komplett und die Glocken waren freigegeben zum Transport nach Güstrow.

Am Samstag, dem 5. März 2016, zogen die Glocken in Güstrow ein. Eine Gruppe von Frauen hatte mit großem Einsatz in vielen Stunden Girlanden geflochten. Am Samstagmorgen wurden sie auf die Glocken gelegt, mit Bändern und frischen Blumen verziert und dann ging es Richtung Innenstadt. Begleitet durch die Polizei und unter dem Geläut des Domes, der katholischen Kirche und der Glocken vom Pfarrkirchturm fuhr der Kranwagen die Glocken vor die Kirche, wo eine große Zahl von Güstrowern sie begrüßten.

Bild

Jede wurde einzeln  vom Wagen gehoben und mit einem Holzhammer angeschlagen. Jeder konnte sie sehen und hören.Mit vereinten Kräften unter der Regie der Firma Glockenbau Griwahn aus Grimmen wurden sie in die Kirche gebracht und dort mit einer Andacht begrüßt. Nun waren sie für die Güstrower acht Wochen aus der Nähe anzusehen und anzufassen.
Am Ende des Gottesdienstes am Sonntag Kantate, 24. Mai, wurde das alte Geläut verabschiedet. Jede Glocke erklang einzeln, um dann die Gemeinde mit vollem Geläut zu verabschieden. In der folgenden Woche wurden die Dominica und die Betglocke vom Turm abgelassen. Die dritte, die Trauglocke, die gleichzeitig auch den Stundenschlag verkündete, wurde im Turm an anderer Stelle aufgehängt, um diese Funktion weiter zu erfüllen. Spannend wurde es dann noch beim Abtransport der beiden  Glocken. Die Dominica mit ihrem Durchmesser von 1,96 m passte nicht durch die Tür. Großes Rätselraten. Wie war sie hineingekommen und wie bekommen wir sie heraus, ohne großen Schaden anzurichten. Dann die erlösende Idee: Wir nehmen Steine heraus, sodass die Tür ausgehängt werden kann und auch unten werden drei Steine entfernt, sodass die fehlenden Zentimeter gewonnen werden. Und siehe da, beim Arbeiten stellte sich heraus: Hier war schon mal jemand dabei gewesen. Das Rätsel war gelöst und die Glocke aus der Kirche.

 

 

Parallel dazu wurden die drei neuen Glocken nach und nach auf den Turm gezogen und nahmen ihren Platz im Glockenstuhl ein. Am Samstag vor Pfingsten – 14. Mai 2016 - wurden die Glocken in einem Gottesdienst feierlich in den Dienst genommen. Auch hier wurde jede einzelne angeschlagen. Die Inschrift wurde genannt und erläutert und am Ende erklang das volle Geläut aller vier Glocken über dem Markt und begleitete die Gemeinde in den Abend.

Am Pfingstsonntag wurde die festliche Konfirmationsgemeinde durch das neue Geläut zum Gottesdienst eingeladen.

Möge dieses Geläut die Menschen viele Jahre, Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte zum Innehalten und Gebet, zum  Loben und Danken, zum Frieden und zur Versöhnung rufen.

Zu danken ist an dieser Stelle denen, die durch ihre Arbeit, ihren Einsatz und ihr Mitdenken diese Aufgabe bewältigt haben. Zu danken ist auch den vielen, vielen Spendern, die mit Fantasie und aus Verbundenheit mit unserer Gemeinde und Kirche halfen, das Geld aufzubringen. Denn am Ende waren alle Rechnungen bezahlt. Und immer wieder ein Dank an Gott, der uns als Gemeinde begleitet und unser Tun segnet, der uns Mut macht, die vor uns liegenden Aufgaben anzunehmen und zu gestalten.

Pastor i.R. Matthias Ortmann

 

 

 
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